November 2019 * Die Stadtmaulwürfe *

Wer schon immer einmal wissen wollte, was unser Stadtteilteam in Rosenheim so macht, dem empfehlen wir den Bericht von Hedi Clemens über die "Stadtmaulwürfe":

„Eine kleine Geschichte aus der sozialräumlichen Arbeit in Rosenheim…

Die Unterstützung von gelingendem Miteinander ist unser täglich Brot in der sozialraumorientierten Jugendhilfe in Rosenheim. Ein Großteil unseres Schaffens besteht aus der sogenannten fallunspezifischen Arbeit, bei der es darum geht, mit den Menschen die Lebensbedingungen in der Stadt zu verbessern, Benachteiligungen zu überwinden und eine kinder- und familienfreundliche Stadt mitzugestalten.

 

Stadtmaulwürfe



An dieser Stelle wollen wir mal ein besonders schönes Beispiel dafür herausstellen, die „Stadtmaulwürfe“. Auch weil wir uns selber so darüber freuen, wie sich diese Initiative von Eltern für Eltern so entwickelt hat. 2016 stießen wir in unserer Arbeit mit Familien immer wieder auf den Wunsch nach einem eigenen Garten. Um aus ihren Wohnblöcken rauszukommen, sich zu erholen, zu grillen, mit ihren Kindern mehr die Natur zu erleben und in einem Garten ihr eigenes Gemüse oder Obst zu pflanzen und zu ernten.

Also luden wir zu einem Treffen ein und es stellte sich heraus, dass diese Familien auch bereit wären, sich einen Garten zu teilen. So machten wir uns stellvertretend auf den Weg, um uns für einen Schrebergarten der Bahn-Landwirtschaft zu bewerben. Für jede einzelne Familie wären die Chancen bei einer Bewerbung auf einen Garten nahezu aussichtslos gewesen.

Nach einigem Aufwand überließ man uns ein relativ heruntergekommenes 200-qm-Gartengrundstück in der Enzenspergerstraße. Wir übernahmen die Formalitäten, wie die jährliche Miete und die Vereinsmitgliedschaft, kümmerten uns um eine ordentliche Übergabe mit dem Vorpächter und übergaben den Garten dann in die Hände der Familien.

Diese begannen nun, sich mit ein wenig Unterstützung unsererseits selber zu organisieren. Sie handelten aus, wie der Garten genutzt werden sollte, gründeten eine WhatsApp-Gruppe und stimmten ab, was wann und wie zu tun war. Es wurde Material für den Garten gesammelt - der eine brachte altes Gartenwerkzeug aus seinem Keller mit, der andere ausrangierte Stühle von seinem Nachbarn und jeder kaufte sich fast ungeduldig ein paar Samen, um endlich loszulegen. Aber zunächst mussten die Beete von Unkraut, der Garten von Unrat befreit werden und es stellte sich heraus, dass das doch mehr Arbeit wurde, als sich der eine oder andere anfangs dachte. Aber die Motivation war groß und es „bewegte“ sich so einiges im Garten bis schließlich gesät und gepflanzt werden konnte.

 

Stadtmaulwürfe



Als aufgrund einer Großbaustelle in der Nachbarschaft der Gartenbrunnen versiegte, radelte eine Mutter regelmäßig mit einem 20L gefüllten Kanister auf ihrem Fahrrad in den Garten, um dort gießen zu können.
Es wurde ein Notizblock im Gartenhaus hinterlegt, wo die notwenigen „To-Dos“ aufgeschrieben wurde und somit auch jeder „Neugärtner“ wusste, was es zu tun gab.

Über die Freundin einer „Gartenfamilie“ wurde ein 1000L Fass geschenkt, aber wo sollte das Wasser dafür herkommen? Wer nimmt Kontakt mit der Metallbaufirma von nebenan auf, um dort deren Wasserleitungen anzuzapfen? Hier waren alle gefordert und machten dies bravourös.

Auch ein guter Kontakt mit den Nachbarn stellte sich schnell ein, nachdem es zu Beginn erstmal große Irritation auslöste, warum denn in einem der Gärten so viele verschiedene! Menschen hantierten und wo war bitte der eigentliche Mieter dieses Gartens? Diese Frage wurde uns dann auch in der Jahreshauptversammlung des Gartenbauvereins gestellt, dass man uns als Mieter im Garten fast nie zu Gesicht bekommt und wieso wir eigentlich immer nur die Familien „unseren“ Garten bearbeiten ließen, der ja zugegebenermaßen durchaus sehr schön geworden sei.

Für die Kinder ist er mittlerweile ein Entdeckungsort, wo sie Obst von den Sträuchern essen und im Erdreich spielen können oder gar ihre Geburtstage mit ihren Freunden feiern können.
Es finden Grillnachmittage und –abende im kleinen und auch größeren Rahmen statt, teilweise auch mit Übernachtungen. Über den Großvater einer Familie bekamen die Stadtmaulwürfe Forellen zum Sonderpreis. So luden sie u.a. auch uns Fachkräfte ein zum Steckerlfisch. Waren dabei aber ziemlich schlau und wiesen auf die Möglichkeit zu einer kleinen Spende ein. Natürlich kam dabei genug Geld zusammen, was sofort zurück in den Garten floß.

Dieses Jahr war dann das marode Gartenhäuschen an der Reihe. Mit einem Flohmarkt probierten sie etwas Geld hierfür einzunehmen. Gleichzeitig traten sie an uns heran, da eine Mutter von der Aktion „Aufwind“ in Rosenheim gehört hatte. Zusammen mit den derzeit 10 Familien unterstützen wir diese Idee und formulierten zusammen den Spendenantrag bei der Aktion „Aufwind“ und hatten das Glück hier das notwendige Geld für die Renovierung der Hütte zu bekommen, was große Freude auslöste. Die Einteilung und den Einsatz des Spendengeldes sowie die Umsetzung erfolgte dann wieder selbständig durch die Familien.

Heute schauen alle in einen wunderschön angelegten Garten, der nichts mehr mit dem von vor drei Jahren zu tun hat. Ein Gemeinschaftswerk von Familien. Diese grüne Oase mit dem renovierten Gartenhäuschen hält für jeden nun selbstgeschaffene und vielfältige Möglichkeiten bereit und das Gemeinschaftsgefühl gibt es hier inklusive.“

Text: Hedi Clemens